“Verlustfrei ins Digitale”Ludwig Rauch im Interview

Donnerstag, 13. Oktober 2022
Zwischen Seminarraum, Atelier und Museum schaute der Fotograf Ludwig Rauch in der Werkstatt von p:berlin vorbei, um Teile seiner Bestände für eine Ausstellung zu digitalisieren. Wir sprachen mit ihm über Möglichkeiten der Digitalisierung und Perspektiven der künstlerischen Fotografie.

Ludwig Rauch ist seit vielen Jahren als Fotograf im Geschäft. Nach dem Abschluss von zwei Fotografie-Studiengängen – an der Karl-Marx-Universität Leipzig und an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Arno Fischer – verließ er Anfang 1989 die DDR und arbeitete als freier Fotograf in Westberlin. Seitdem porträtierte er zahlreiche Figuren aus Kunst, Kultur und Öffentlichkeit – von Sigmar Polke bis Rio Reiser und von Muhammed Ali bis Anna Thalbach. Seit 2009 ist Rauch außerdem Dozent an der Ostkreuzschule und betreut regelmäßig die Abschlussjahrgänge. Für seine neueste Ausstellung in Leipzig digitalisierte und druckte er in den p: berlin laboratories einige seiner Arbeiten.

 

Du warst bereits zu DDR-Zeiten als künstlerischer Fotograf und Bildreporter tätig, seit 2009 bist du nun Dozent an der Ostkreuzschule in Berlin. Arbeitest du heute auch noch selber künstlerisch?
Ludwig Rauch: Ja, im Moment bereite ich mich auf meine Ausstellung im Museum der Bildenden Künste in Leipzig vor. Sie wird am 12. Oktober eröffnet und trägt den Titel “Porträt und Abstraktion”. Es wird dort einen Raum mit Porträts von Leipziger Künstlern geben. Das stellt einen Bezug zur großen Ausstellung “Bilderkosmos” im selben Haus her, in der Malerei der Leipziger Schule aus den vergangenen 120 Jahren gezeigt wird. Da ich bereits seit 1982 Künstler porträtiere, lag die Idee nahe, dass wir aus meinen Porträts die Künstler auswählen, deren Bilder in der Ausstellung hängen. Dafür sind auch zuletzt noch acht neue Portraits entstanden, so kommen wir jetzt auf 28 Porträts. In zwei weiteren Räumen werden außerdem aktuelle Arbeiten von mir gezeigt, die eher in den Bereich der Abstraktion gehen und die Verbindung zwischen Fotografie und Malerei erkunden.

Was ist die Verbindung zwischen den Porträts? Und gibt es eine inhaltliche Verbindung zwischen den Porträts und den abstrakten Bildern?
Mein erstes Porträt habe ich 1982 gemacht, das zieht sich seither wie ein roter Faden durch mein Schaffen. Ich habe viele dieser Porträts auch auf meiner Webseite. In den letzten 40 Jahren habe ich vor allem immer wieder Künstler dargestellt. Das ist eine Reminiszenz an diesen Arbeitsbereich. Seit Anfang der 90er Jahre beschäftige ich mich in meinen künstlerischen Arbeiten zunehmend mit der Verbindung zwischen Fotografie und Malerei. Also, was kann die Fotografie, das die Malerei nicht kann, und umgekehrt – diese Fragen faszinieren mich.

Du warst kürzlich in den p: berlin laboratories zu Gast und hast Prints für die Ausstellung gemacht. Kannst du etwas darüber erzählen, wie du den Werkstattbesuch und die Arbeit hier erlebt hast?
Die Werkstatt ist mir schon seit einer Weile vertraut und ich finde die Atmosphäre sehr angenehm. Für die Produktion meiner Ausstellung in Leipzig habe ich die Infrastruktur der Werkstatt nun auch wieder genutzt. Meine Bilder sind oft sehr groß, die kleinsten sind etwa 60 cm an der langen Seite, aber viele haben 1,60 m oder sogar 1,80 m Kantenlänge und es ist immer eine Herausforderung, mit solchen Maßen zu arbeiten. In der Werkstatt von p: berlin kann man aber auch mit so großen Formaten wunderbar arbeiten.

An der neuen Digitalisierungsstation kann man unter anderem viele unterschiedliche Vorlagen und Formate bearbeiten. Hast du die Digitalisierungsstation genutzt und, falls ja, hat sie sich in der Praxis für dich bewährt?
Die Flexibilität der Digitalisierungsstation war einer der Gründe, warum ich mich entschieden habe, es bei euch zu machen. Meine frühen Porträts sind zum Teil noch mit Kleinbild und Schwarzweiß fotografiert, natürlich analog. Aber in 40 Jahren ändert sich natürlich die Aufnahmetechnik. Das Material reicht also von Kleinbild über Mittelformat bis hin zur Plattenkamera, also vier mal fünf Inch. Diese Negative, und teilweise auch Positive, habe ich zwar mal gescannt, aber sie haben natürlich nicht immer die Qualität gehabt, die man braucht, um sie in einer Museumsausstellung zeigen zu können. Da war das neue Gerät in der Werkstatt eine sehr gute Option.

Was hat dir besonders an der Arbeitsweise gefallen?
Die wesentlichen Punkte waren zum einen die Geschwindigkeit und zum anderen das sehr einfache Switchen zwischen den Formaten. Man wechselt einfach nur den Filmhalter aus, das sind zwei Handgriffe, und dann kann man sofort mit dem nächsten Format weiterarbeiten. Das finde ich sehr clever gelöst und es geht vor allem sehr schnell. Effizienz ist ein großes Thema bei unserer Arbeit und es ist wirklich sensationell, wie schnell das geht, wenn man die Einstellung einmal hat. Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich von Haus aus mit Phase One und Capture One bereits Erfahrungen habe. Aber Alexander Schippel war als Werkstattleiter auch vor Ort und hat mir wenn nötig sehr gut weitergeholfen und mich angeleitet.

Was geschieht mit den Daten nach der Digitalisierung?
Die Datei, die man erhält, ist sehr groß – sie enthält sicher ebenso viele Informationen wie ein altes Negativ und das reicht bei weitem für alles aus, was man damit dann im Print machen will. Die Daten werden mit dieser hochqualitativen Digitalisierungstechnik quasi verlustfrei aus der analogen Welt ins Digitale übersetzt. Man muss dann natürlich noch Zeit für die Nachbearbeitung investieren, wenn man ein optimales Ergebnis will. Ich habe mir die Dateien mit in mein Atelier genommen und dort bearbeitet, genauso, wie ich es mit analogen Negativen auch mache. Als alles fertig war, bin ich dann wieder hergekommen und habe hier in der Werkstatt alles ausgedruckt.

Du bist auch Dozent an der Ostkreuzschule – ist ein Angebot wie die p: berlin laboratories für deine Schüler:innen wichtig, wo sie Zugang zu High-End-erhalten?
Ich habe den Studierenden ans Herz gelegt, dass sie ihre Arbeiten bei p: berlin drucken können. Die Werkstatt von p: berlin ist einfach ein verlässlicher Ort, um seine Abschlussarbeit zu drucken. Hier werden die Geräte fachkundig betreut und regelmäßig gewartet.

Du bist schon lange in der Fotografie-Szene unterwegs und kennst sowohl den Nachwuchs als auch Leute, die schon lange im Geschäft sind. Welche Rolle spielt aus deiner Sicht ein Verein wie photography unlimited e.V. und welche Funktionen kann er in diesem Kosmos erfüllen, der mit großen Herausforderungen zu kämpfen hat?
Ich finde schon allein mit dem Ort, der hier geschaffen wurde, ist eine interessante Institution, ein spannendes Umfeld entstanden. Generell ist Schöneweide immer eine Reise wert für Foto-Interessierte. Ich denke, das kann sich hier zu einem super Treffpunkt vor allem auch für die jüngeren Fotograf:innen entwickeln. Und die Möglichkeit, hier für einen extrem sportlichen – also geringen – Beitrag seine Archive zu digitalisieren und hochqualitative Drucke zu machen, ist natürlich auch ein Faktor. Ich glaube, dass das hier ein sehr guter Ort für den Austausch ist und ein Treffpunkt für die Szene werden kann.

In der künstlerischen Fotografie wird es zunehmend schwieriger, weil es einen wachsenden kommerziellen Druck gibt. Sind Initiativen wie der Verein photography unlimited e.V., die aus der Szene heraus entstehen, aus deiner Sicht ein guter Weg, um sich für die Zukunft zu rüsten und die Herausforderungen solidarisch anzugehen?
Das ist ein Riesenthema, wo fängt man da an? Als die Pandemie kam, hat man sehr schnell gemerkt, welche finanziellen Schwierigkeiten plötzlich auf viele Fotograf:innen zukamen. Es gab keine Veranstaltungsfotografie mehr und für die Studierenden gab es auch keine Nebenjobs mehr. Junge Fotograf:innen wurden von einer Minute auf die andere teilweise ihrer Existenz beraubt, weil sie keine Möglichkeiten hatten, Geld zu verdienen. Nun kommen der Krieg und die Energiekrise hinzu – der finanzielle Druck wird immer höher und viele Fotograf:innen leiden sehr darunter. Daher sind Angebote wie die Werkstatt von p: berlin, in der man zum kleinen Preis Top-Technik nutzen kann, sehr wichtig in diesen Zeiten. Denn viele Fotografierende können es sich auf Dauer nicht leisten, ihre Arbeiten in große Labore zu geben. Aber es kommen natürlich noch viele weitere Aspekte hinzu – etwa, was an Honoraren gezahlt wird und wo es überhaupt noch Aufträge im Bereich sozial-dokumentarischer Fotografie gibt. Die Zeiten sind im Moment schwierig und ein Angebot wie das von p: berlin hilft sicher vielen, die trotzdem weitermachen und ihre Arbeiten ausstellen wollen.

„Ich lüge dich nicht an“Ein Interview mit dem Fotografen Stephan Gladieu

Dienstag, 4. Oktober 2022
Der Fotograf Stephan Gladieu vermischt in seinen Bildern künstliche Ästhetik und reale Zustände, Dokumentarisches und Künstlerisches. In den p: berlin laboratories entstanden die Prints für seine Ausstellung „Through their eyes“, die noch bis 05.11.2022 in der Joshua Tree Gallery of Contemporary Art zu sehen ist.

„Stephan Gladieu begann seine Karriere 1989 mit der Berichterstattung über Krieg und soziale Fragen und reiste durch Europa, Zentralasien und den Nahen Osten. Der Reporter der ersten Stunde nutzte sehr schnell das Porträt, um die Situation der Menschen auf der ganzen Welt zu veranschaulichen. Heute produziert er immer noch Reportagen und Porträtserien für internationale Magazine, konzentriert sich aber vor allem auf seine persönliche und künstlerische Arbeit mit Porträtserien, deren DNA die Farbe und die strenge Komposition ist. Er mag den ikonischen Charakter eines Bildes, seine Frontalität, seine Lesbarkeit und die Grenze zwischen real und irreal. Seine letzten Serien sind hauptsächlich in Asien und Afrika entstanden. Heute werden die Arbeiten von Stephan Gladieu in führenden Publikationen in Frankreich und international veröffentlicht.” (Quelle: https://www.stephangladieu.fr/bio/)

Das Interview wurde aus dem Englischen übersetzt.

Die Drucke für deine aktuelle Ausstellung „Through their Eyes“ sind in der p: berlin laboratories entstanden. Worum geht es in der Ausstellung?
Die Ausstellung umfasst drei verschiedene Projekte. Das erste ist die Serie „Nordkorea“, eine Serie von Porträts, die das Produkt einer intensiven Auseinandersetzung mit den kulturell-politischen Gemeinschaften innerhalb dieses Staates sind. Dann gibt es „Egungun“, für das ich zum Volk der Yoruba in die Region zwischen Benin und Nigeria gereist bin und die Rituale des Todes und der Ahnen erlebt habe. Und das letzte Projekt war „Homo Detritus“, über das Kunstkollektiv „ daku, ya la vie est belle“ in Kinshasa. Das sind Künstler:innen, die aus dem Müll der Stadt Kostüme und Masken herstellen. Alle meine jüngsten Serien basieren auf einer Art von Porträt, die ich Spiegelporträts nenne. Bei diesen Porträts schauen die Leute immer zu mir oder in mein Objektiv. Wenn du also vor den Bildern stehst, schauen sie dich an. Das hat die Beziehung zu den Bildern für mich völlig verändert, denn es ist eine Face-to-Face-Situation. Außerdem spiele ich mit der ikonischen Darstellung und Bedeutung der Bilder.

Was meinst du, wenn du von Ikonen sprichst?
Ich spreche nicht von dem religiösen Zweck traditioneller Ikonen, sondern eher von der Konzeption einer Ikone als Bild. Das Motiv steht bei diesen Bildern im Mittelpunkt und es schaut einen immer direkt an. Als Bild sind Ikonen sehr einfach, farbenfroh und leicht zu verstehen. Sie wurden geschaffen, um die Aufmerksamkeit der ungebildeten Menschen zu wecken und eine religiöse Botschaft zu vermitteln, die sie leicht verstehen und an die sie glauben können. Es war also wirklich ein Mittel der Kommunikation. Ich spreche nicht darüber, was eine Ikone in Bezug auf die Spiritualität darstellt, ich verwende nur die Techniken und den Bildprozess der Ikonen und setze sie in einen neuen Kontext. Das hat es schon früher gegeben: Zunächst wurden Ikonen verwendet, um eine religiöse Botschaft zu vermitteln, dann wurden sie von den Kommunisten und den Nazis benutzt, um eine politische Botschaft zu übermitteln. Und nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten die Amerikaner sie, um uns durch Marketing und Werbung Produkte zu verkaufen. Trotz all dieser Bedeutungsänderungen sind die Grundregeln für Ikonen gleichgeblieben. Es sind sehr einfache Bilder und das Motiv schaut den Betrachter immer direkt an, von Angesicht zu Angesicht.

Du kommst aus der Dokumentarfotografie. Inwieweit beeinflusst das die Art und Weise, wie du jetzt Porträts machst?
Ich lasse mich von der Mischung aus Dokumentation und Ästhetik inspirieren, das ist für mich sehr wichtig. Was man auf meinen Bildern sieht, ist also immer echt: Das Motiv ist echt, der Hintergrund ist echt. Wenn ich ein Porträt mache, habe ich die Person normalerweise sehr nah an dem Ort getroffen, den ich als Hintergrund gewählt habe, vielleicht 60 oder 70 Meter. Inspiriert wurde ich von dem deutschen Fotografen August Sander, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts arbeitete und für die Porträtfotografie sehr wichtig war. Er war immer auf der Suche nach der deutschen Identität. Er hatte eine interessante Art, sich den Menschen zu nähern und das inspiriert mich. Der Unterschied ist, dass ich Farbfilm verwende. Ich würde gerne sagen, dass ich ein Kolorist bin, weil ich wirklich gerne mit Farben spiele. Und dafür benutze ich auch Blitzgeräte. Ich bin eigentlich ein Straßenfotograf, der früher in einem mobilen Studio gearbeitet hat, und eines Tages beschloss ich, das tragbare Studio mit auf die Straße zu nehmen.

Gibt es so etwas wie eine rote Linie, die in allen deinen Arbeiten erkennbar ist? Was willst du mit deiner Fotografie vermitteln?
Ich bearbeite meine Bilder nicht wirklich. Der Hintergrund ist der Hintergrund, den ich gefunden habe, die Menschen, die du siehst, sind die Menschen, die ich getroffen habe. Ich wähle die Verbindung, die Beziehung zwischen den Menschen, die ich treffe, und dem Hintergrund, das ist meine einzige Einmischung. Und wie ich schon sagte, ist der Hintergrund nie weiter als hundert Meter von dem Ort entfernt, an dem ich die Menschen getroffen habe. Alles, was du auf den Bildern siehst, ist also real. Was die ästhetischen Regeln angeht, die ich befolge, so mag ich es normalerweise, nicht mehr als drei Farben in einem Bild zu haben, und ich achte sehr darauf, wie ich meine Bilder einrahme. Es gibt also einen bestimmten Prozess, an den ich mich halte, und das ist wichtig für mich, da ich aus der Dokumentarfotografie und dem Fotojournalismus komme.

Warum hast du beschlossen, dich der künstlerischen Fotografie zuzuwenden?
Ich hatte die Art und Weise satt, wie unsere Bilder und ihre Symbolik verwendet werden. Meine Arbeit als Künstler ist für mich ein Weg, die Macht der Symbolik zurückzuerobern und zu kontrollieren, was ich in die Bilder setze. Ich wähle das Thema, ich entwerfe das Bild und ich stelle es dir vor die Nase. Und ich lüge dich nicht an: Man sieht, dass ich da bin, man sieht, wie ich das Licht benutze und es ist sehr direkt. Gleichzeitig spiele ich mit dem Licht und das erzeugt ein Gefühl, bei dem man sich fragt, ob es echt ist oder nicht. Man weiß nicht, ob ich das Bild vor einem Greenscreen oder live vor Ort aufgenommen habe; ob ich das Material in Photoshop bearbeitet und zwei Bilder gemischt habe oder nicht. Ich spiele gerne mit diesem Verhältnis zwischen real und irreal, weil man sich dann fragt: Was ist da? Wo ist die Realität? Was du siehst, ist meine Realität zu einem bestimmten Zeitpunkt, als ich das Bild aufgenommen habe.

Einige der Drucke für deine aktuelle Ausstellung in der Joshua Tree Gallery of Contemporary Art (USA) entstanden in den p: berlin laboratories in Berlin. Wie wichtig ist eine solche Infrastruktur und ihre Verfügbarkeit für dich und deinen Arbeitsprozess?
Es ist sehr wichtig für mich, weil ich die ganze Arbeit, den fotografischen Prozess, den meine Bilder durchlaufen, teile. Ich bin der erste, der in diesem Prozess agiert, wenn ich das Bild vor Ort mit meinen Assistenten aufnehme. Ich wähle das Motiv, den Ort, die Beleuchtung usw.

Dann gibt es die zweite Phase, die Postproduktion. Ich arbeite mit meiner guten Freundin Camille zusammen, die viel jünger ist als ich. Es ist sehr interessant, denn sie ist nie mit mir vor Ort, aber sie kennt mich sehr gut. Wenn ich eine Idee für ein neues Projekt habe, spreche ich immer mit ihr darüber und sie macht mir Vorschläge, wie ich es angehen kann. Sie hilft mir zum Beispiel oft, die richtigen Farben zu finden, denn mit jedem neuen Projekt gibt es eine neue Tonalität.

Und dann gibt es natürlich noch die dritte Phase eines jeden Projekts, den Druck. Das ist einer der wichtigsten Schritte, denn hier wird die Arbeit materialisiert. Deshalb ist es für mich sehr wichtig, Leute zu haben, die meine Arbeitsweise verstehen und die geleistete Arbeit lesen können. Ich bin sehr sensibel, was das angeht. Ich mache mir viele Gedanken über die Wahl des Papiers, die letzten Korrekturen und darüber, wie die Drucke letztendlich aussehen.

Deine Ausstellung „Through their Eyes“ in der Joshua Tree Gallery of Contemporary Art läuft noch bis November 2022 – was wird dein nächstes Projekt sein, was können unsere Leser:innen in Zukunft von dir erwarten?
Zum ersten Mal mache ich ein großes Projekt in Frankreich. Ich mache eine Serie von Porträts von Franzosen im Urlaub. Der Bezug zur französischen Identität ist sehr stark, die Franzosen legen großen Wert auf soziale Rechte und Arbeitnehmerrechte und wir waren das erste Volk, das unter Napoleon eine bezahlte Freistellung von der Arbeit eingeführt hat. Jeder wird also dafür bezahlt, dass er einen Teil des Jahres nicht arbeitet, um seine Familie zu besuchen und sich einfach zu entspannen. Das ist eine sehr französische Sache, denke ich. Ich fahre also von Küste zu Küste, besuche viele typische Urlaubsorte und werde die Menschen in ihrer Urlaubszeit porträtieren. Das Projekt wird 2024 in der französischen Bibliothek ausgestellt, und es wird auch ein Buch geben. Es gibt also eine Menge zu tun.

Mehr Informationen unter:
www.artco-gallery.com
www.stephangladieu.fr

Digitalisierung per Mausklick – ob Film oder PlakatDigitalisierungsstation von Phase One in der p: berlin Werkstatt

Mittwoch, 20. Juli 2022
Mit einer neuen Digitalisierungsstation des dänischen Herstellers Phase One bietet die p: berlin Werkstatt ab sofort die Möglichkeit, unterschiedlichste Vorlagen vom Print DIN A0 bis zur Durchsichtsvorlage (Negativ/Positiv) effizient und hochqualitativ zu digitalisieren. Im Interview erzählt Yves Richter von Phase One, was das Besondere an dem System ist und welche Vorteile es bietet.

Was ist dein Background und wie bist du zu Phase One gekommen? 

Ich bin ausgebildeter Fotograf. Ich habe mich schon in meiner Jugend viel mit Fotografie beschäftigt und habe mit 14 Jahren im Keller meiner Eltern eine eigene Dunkelkammer eingerichtet. Ich bekam dann tatsächlich auch eine Lehrstelle als Fotograf und merkte schon damals, dass mich die Technik dahinter mehr begeistert als die Fotografie an sich. Also legte ich den Schwerpunkt nach meiner Ausbildung auf die technische Fotografie. In der Region Leipzig / Halle, wo ich aufgewachsen bin, war es naheliegend, als Fotograf in der Chemieindustrie tätig zu werden. Und die hat mich damals auch gelockt, nämlich mit der Möglichkeit, mit Farbfilm zu arbeiten, was zu DDR-Zeiten etwas Besonderes war. So bin ich dann Industriefotograf geworden und habe mich mit der Farbfilmentwicklung beschäftigt.  

 

Industriefotografie in der DDR, das klingt spannend. Was genau hast du da gemacht? 

Ich war beim VEB Leuna-Werke Walter Ulbricht acht Jahre lang als Fotograf tätig. Da ging es um Industrieanlagen, Kraftwerke, Raffinerien – ich habe damals viele Rohrleitungen fotografiert. Das hat mich schon sehr fasziniert, mehr jedenfalls, als Passbilder zu machen. Und hier kam ich auch zum ersten Mal mit technischen Fachkameras in Kontakt. Wir hatten damals nicht nur die gute alte Mentor-Kamera aus Dresden im Einsatz, sondern auch schon eine Linhof und das hat mich vollends begeistert. So war ich dann meistens derjenige im Unternehmen, der mit Mittelformat und Planfilm unterwegs war.  

 

Und wie bist du dann zu Phase One gekommen? 

Ein entscheidender Bruch war für mich natürlich die Wendezeit. 1991 lief es beim Leunawerk nicht mehr und ich schaute mich um. Mit 24 Jahren kam ich dann zum Schweizer Kamerahersteller Sinar. Im Prinzip habe ich damals meinen Job als Fotograf an den Nagel gehängt und bin in den Vertrieb für fotografische Produkte gewechselt, wo ich dann 17 Jahre war. Der Wechsel zu Phase One kam 2008. Die Digitalisierung der Fototechnik war zu diesem Zeitpunkt in vollem Gange und die marktführende Position von Phase One unübersehbar. Ich habe mich also intensiv mit dieser Materie befasst und mich von der Qualität überzeugt – weswegen mir der Wechsel am Ende nicht schwerfiel. Denn es war für mich immer wichtig, dass ich von den Produkten, die ich anderen anbiete, auch selbst überzeugt bin. Heute bin ich bei Phase One Sales Manager für das Gebiet Ostdeutschland. 

 

Stichwort Qualität: Ab sofort gibt es eine Phase One Digitalisierungsstation in der Werkstatt von p:berlin. Woraus besteht die Station und wie genau funktioniert sie? 

Zunächst ist es vielleicht interessant zu wissen, dass das, was wir heute an Digitalisierungslösungen anbieten, eine Folge jahrelanger Entwicklung ist. Das ging Schritt für Schritt und über diverse Zwischenlösungen, so dass das Resultat immer besser wurde. Unsere Anlagen sind heute nicht mehr nur bei den Fotografen gefragt, sondern vor allem auch im wissenschaftlichen Bereich und im Bereich Kulturerbe. Wir haben seit jeher viele namhafte Museen und Archive als Kundschaft, die für die Digitalisierung ihrer Bestände eine immer höhere Auflösung verlangen. Daher haben wir uns Gedanken gemacht, wie man den Workflow in dem Bereich verbessern kann. Mit Workflow meine ich eine abgestimmte, koordinierte und vor allem reproduzierbare Arbeitsweise. Wir haben an der Hardware und der Software sehr intensiv und lange gearbeitet und so ist heute ein System entstanden, das im besten Fall 150 Megapixel Auflösung hat. Das bedeutet für den Anwender, er kann eine DIN A0 Vorlage mit 300 dpi digitalisieren, was früher nur mit Großformat-Scannern zu lösen war. Die ersetzen wir heute komplett mit unserem kamerabasierten Digitalisierungssystem. Der Vorteil liegt aber nicht nur in der maximalen Bildqualität, die wir uns immer auf die Fahne schreiben, sondern vor allem auch in der Flexibilität des ganzen Systems. 

 

Was meinst du damit? 

Kaum jemand hat nur eine bestimmte Art von Formaten zu digitalisieren. In den meisten Fällen ist es mal ein Buch, mal ein großes Plakat, mal ein Gemälde, aber eben auch Durchsichtvorlagen wie z. B. Filmstreifen oder alte Glasplatten. Für diese Vielfalt an Formaten hätte man früher viele verschiedene technische Geräte benötigt. Mit einem Phase One Digitalisierungssystem und den entsprechenden Komponenten habe ich heute alles aus einer Hand und vor allem alles mit demselben Workflow, so dass diese Flexibilität dort echt ein großer Vorteil ist, den man sonst meiner Meinung nach nirgends findet. 

 

Was ist denn der Vorteil der fotografischen Reproduktion im Vergleich zu einem Scanner?  

Die heutigen, hochentwickelten CMOS Sensoren sind der entscheidende Vorteil. Die kommen mit ihrer Auflösung zwar gerade so an die Scan-Technik heran, aber die restlichen Vorteile überwiegen. Ein ganz entscheidender ist zum Beispiel der Dynamikumfang. Mit der modernen Sensor-Elektronik, die heute verbaut wird, erreichen die CMOS Sensoren einen Dynamikumfang von 15 Blendenstufen. Das schaffen Scan-Zeilen bei weitem nicht. Das ist vielleicht bei einem Gemälde nicht entscheidend, weil das nicht so einen hohen Dynamikumfang hat – aber spätestens im Bereich der Filmdigitalisierung, wenn ich also sehr dichte Filme habe, durch die eine Menge Licht dringen muss, um die Bildinformationen zu erfassen, ist es von großem Vorteil. Ein zweiter, ganz entscheidender Punkt ist die Geschwindigkeit: Wenn ich 100 Großformat-Scans machen möchte und jeder Scan dauert zwei Minuten, dann dauert es insgesamt sehr lange. Das ist mit einer kamerabasierten Digitalisierung in einer Sekunde erledigt. Die Zeit, die man braucht, um das Objekt auszutauschen, ist der größte Faktor bei dieser Art der Digitalisierung. Das geht im Prinzip alles vollautomatisch und mit einem Mausklick ist die Vorlage auch schon digitalisiert, egal, ob es ein Film ist oder ein Plakat. 

 

Was sind weitere Vorteile des Systems?  

Viele Branchen, gerade im Bereich Kulturerbe, brauchen verbindliche Digitalisate, die einer Eins-zu-Eins-Abbildung des Originals möglichst nahekommen. Dafür gibt es seit vielen Jahren schon diverse Standards auf dem Markt, die in einer ISO-Norm zusammenlaufen, die sicherstellt, dass man reproduzierbare Ergebnisse erhält. Die Farbe ist dabei meist der wichtigste Punkt, aber es gibt noch viele weitere Punkte, die in einem kontrollierten Prozess überwacht werden. Da wäre zum Beispiel die Geometrie und Verzerrung des Bildes, das Auflösungsvermögen und der bereits erwähnte Dynamikumfang. All diese Punkte schaffen wir bei Phase One mit Bestwerten. 

 

Ihr arbeitet viel mit Museen und Kultureinrichtungen zusammen. Kannst du ein paar Beispiele nennen? 

Ganz obenan stehen beispielsweise die Staatlichen Museen zu Berlin mit vielen Phase One Systemen. Darüber hinaus arbeiten wir auch mit anderen bedeutenden Einrichtungen zusammen, wie zum Beispiel der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Klassik Stiftung Weimar oder dem Deutschen Historischen Museum. Auch im internationalen Bereich arbeiten wir mit großen Museen, vom British Museum in London bis hin zum Vatikan.  

 

Können denn Privatpersonen diese Technik überhaupt nutzen? Es klingt ja so, als wenn das eine sehr exklusive Technik ist, die nur im hochprofessionellen Bereich von großen Institutionen eingesetzt wird.  

Wir bieten auch Lösungen für Privatpersonen und einzelne Fotografinnen und Fotografen an. Wenn jemand seit 20 Jahre fotografisch tätig ist, hat derjenige vielleicht ein Archiv, dass er digitalisieren möchte, ohne so hohe Investitionen zu tätigen und sich eine ganze Digitalisierungsstation zu kaufen. Diese Leute können das mit einer Phase One Kamera machen, denn das Herzstück ist das hochauflösende Digitalrückteil. Damit lassen sich hochwertige Digitalisierungen machen, die allerdings nicht den hohen Automatisierungsgrad unserer Stationen haben. Das System, das wir nun bei p:berlin installieren, ist letztendlich ein vollautomatisiertes System, das sich hauptsächlich für die Massendigitalisierung lohnt, also für sehr hohe Bestände mit wechselnden Formaten. Somit erhalten die Leute bei p:berlin Zugang zu einer Technologie, die sonst nur in hochspezialisierten Bereichen eingesetzt wird.

Die Verletzbarkeit von Haut und FilmMaik Gräf spricht über sein neustes Fotoprojekt „ZOE“

Mittwoch, 29. Juni 2022
Für sein Projekt zum Thema queere Aspekte in der griechische Mythologie reiste der Fotograf Maik Gräf nach Athen. Die Analogen Abzüge für die Ausstellung entstanden bei p: berlin.

Was ist deine Connection zu p:berlin und zu der Werkstatt? Was hast du in der Werkstatt gemacht?
Maik Gräf: Ich habe in der Dunkelkammer der p:berlin-Werkstatt Abzüge für eine Ausstellung gemacht, die im Mai gelaufen ist. Die Bilder sind in einem mit Risografie gedruckten Künstlerbuch enthalten, ich wollte aber für die Ausstellung zu dem Projekt ein paar bestimmte Bilder als Abzüge umsetzen und so vom Buch-Raum in den realen Raum bringen.

Um welches Projekt ging es genau?
Das Projekt trägt den Titel „ZOE“ und begann letztes Jahr in Athen. Ich habe dort einen Monat verbracht und mich mit queeren Aspekten in der griechischen Mythologie und Gesellschaft auseinandergesetzt. Das sind Themen, die schon früher fragmentarisch in anderen Arbeiten von mir aufgetaucht sind. Aber für dieses Projekt bin ich dorthin gereist, um wirklich intensiv zu arbeiten und mich mit den archäologischen Sammlungen auseinanderzusetzen.

Wonach hast du gesucht?
Es geht um Darstellungen von Menschen in der Antike, aber auch um eine gewisse queere Verletzlichkeit, die in solchen intimen Aufnahmen von Körpern aus Stein steckt. Das sind ja oft auch zerbrochene und beschädigte Körper. Und als Gegenüberstellung habe ich mich mit Leuten aus der Szene vor Ort vernetzt. Ich kannte tatsächlich niemanden in der Stadt, ich bin auf gut Glück hingefahren und habe gehofft, dass ich Anschluss finde, was dann auch sehr gut geklappt hat.

Worüber hast du mit den Leuten gesprochen?
Wir haben uns vor allem über ihre Erfahrungen als queere Person in Athen ausgetauscht. Welche Hindernisse gibt es in Gesellschaft und Politik? Da gab es hoffnungsvolle Storys, aber auch viele traurige und schmerzhafte Geschichten. Danach haben wir uns noch ein zweites Mal getroffen und ich habe Porträts von den Personen gemacht. In dem Buch kommt dann alles zusammen: die Porträts treffen auf die Skulpturen und auf Fragmente aus der Stadt, Architektur, antike und moderne Ruinen.

Gibt es einen roten Faden, der sich durch deine Arbeit zieht? Ein Motiv oder eine Technik, die immer wieder auftaucht?
Oh ja, es geht eigentlich immer um eine Vermittlung von Emotion und von Sinnlichkeit. Ich versuche sie mit meiner Kamera einzufangen. Und ich nutze bei diesen künstlerischen Projekten auch immer analoge Fotografie, weil das für mich ein sehr körperliches Medium ist, bei dem man den Film und die Körnung erfahren kann und auch mit dem Papier spielen kann. Und in dieser Körperlichkeit liegt wieder die Verbindung zu den Motiven, die ich fotografiere.

Wie sieht diese Verbindung aus?
Die Verletzbarkeit des gezeigten Körpers korrespondiert mit der Verletzbarkeit des Mediums. Ich finde die Oberfläche des fotografischen Films ganz ähnlich wie die der menschlichen Haut, in ihrer Verletzlichkeit. Und wenn ich in den Film reinschneide, passiert etwas ähnliches wie bei meiner eigenen Haut.

Wie war es für dich, in der Werkstatt von p:berlin zu arbeiten?
Es war für mich ein richtiges Geschenk, da arbeiten zu können. Ich habe während meines Studiums sehr viel in der Dunkelkammer meiner Hochschule gearbeitet, doch seit einigen Jahren studiere ich nicht mehr und lebe in Hamburg, wo es keine so gute Infrastruktur gibt. Insofern war es für mich eine sehr intensive Erfahrung, nach so langer Zeit wieder in der Dunkelkammer zu stehen und diese Prozesse zu erfahren, die eigentlich so ein wichtiger Teil meiner Arbeit sind. Ich konnte in der Werkstatt meine Arbeit genauso realisieren, wie ich es wollte. Auch der Rest der Werkstatt ist sehr gut ausgestattet. Ein weiterer Punkt, der für mich sehr positiv war, war die Tatsache, dass ich dort sehr oft allein war und mich richtig intensiv auf meine Arbeit konzentrieren konnte.

Was läuft gerade bei dir jenseits von dem Buch und der Ausstellung? Hast du schon das nächste große Projekt in Planung?
Das aktuelle Projekt ist noch nicht abgeschlossen, es gibt noch sehr viele Fotos in dem Buch – es hat etwa 180 Seiten – mit denen ich noch arbeiten möchte und die ich noch vergrößern und printen möchte. Für mich ist ein Bild noch nicht fertig, wenn ich mit der Kamera auf Film gebracht habe. Der Weg vom Film auf das Papier ist auch noch ein ganzer Arbeitsschritt, in dem noch viel passieren kann. Und ich möchte noch mehr Abzüge aus diesem ganzen Bildkörper realisieren. Außerdem möchte ich auf jeden Fall noch dieses Jahr das Projekt in Athen zeigen, das ist der nächste wichtige Schritt. In der weiteren Zukunft möchte ich gern auch hier in Hamburg und Berlin mich noch mehr vernetzen und mit queeren Leuten arbeiten. Es gibt also noch einiges zu tun.

„Das ist mein waches Auge“Sabrina Weniger und ihr dokumentarisches Fotoprojekt „Jasmine the lovebird“

Freitag, 20. Mai 2022
Für ihr Langzeitprojekt zum Thema Transgender begleitet die Fotografin Sabrina Weniger seit 2017 Chieh. Die einfühlsamen Fotografien werden jetzt unter dem Titel „Jasmine the lovebird“ im Aperture Film Lab gezeigt. Die Prints für die Ausstellung entstanden bei p: berlin.

Du hast gerade in der Werkstatt von p: berlin an einem deiner Projekte gearbeitet – worum geht es dabei?
Sabrina Weniger: Ich arbeite an einem Langzeitprojekt mit dem Titel „Jasmine the lovebird“. Dabei begleite ich Chieh und dokumentiere seinen Alltag. Das Thema Transgender ist dabei ein Aspekt von vielen – vorrangig geht es um Identitätssuche. Chieh und ich haben uns seit der Corona Pandemie häufiger getroffen, das Projekt verdichtet. Die Themen wiederholen sich, intensivieren sich, oder neue entstehen.

Was sind das für Themen?
Da ist zum Beispiel das Thema Herkunft: Chieh ist in Taiwan geboren und aufgewachsen, seine Familie ist dann nach Amerika ausgewandert, wo er und seine Schwester zur High School gingen und u.a. auch studierten. Heute lebt Chieh in Deutschland, erst in Düsseldorf, jetzt in Berlin. Ein wichtiger Aspekt seines Lebens sind seine Freunde, die auf der ganzen Welt verteilt leben und auch zu einem wichtigen Teil des Projektes wurden. Im Herbst letzten Jahres habe ich das Projekt ausgestellt. Während des Seminars mit Ina Schoenenburg an der Ostkreuzschule für Fotografie haben wir das Projekt in eine Zwischenform gebracht und sowohl eine Serie für eine Ausstellung als auch für ein kleines Magazin zusammengestellt. Im Magazin selbst sind auch Illustrationen von Chieh und Texte von Teresa Schmidt-Meinecke zu sehen und zu lesen.

Wonach schaust du bei deiner Fotografie, was versuchst du festzuhalten?
Es ist unterschiedlich, aber generell versuche ich, möglichst wenig zu steuern. Bilder entstehen, wenn ich eine Situation begleite, eine Stimmung aufnehme. Im Projekt mit Chieh wiederhole ich teilweise Gesehenes, aber noch nicht Festgehaltenes. Zusätzlich treffen wir uns für geplante Portraits, regelmäßig, immer wieder. Auch um körperliche Veränderungen festzuhalten. Oder nach besonders prägenden Erlebnissen, wie einem Krankenhausbesuch oder nach einer Therapiestunde.

Wie gehst du bei der Arbeit vor?
In meiner Arbeit halte ich mich im Hintergrund und greife selten ein. Generell hadere ich in meiner dokumentarischen Arbeit damit, dass meine Anwesenheit die Situation der Protagonist:innen verändert. Also jede Szene, die ich begleite, verändert sich durch mich – ich als Beobachtende beeinflusse das Beobachtete und umgekehrt. Im Fall des aktuellen Projektes bin ich mittlerweile okay damit, weil Chieh okay damit ist. Zusätzlich versuche ich meine Protagonist:innen nicht in etwas hineinzupressen, was sie nicht sind, sehe aber hin und wieder Dinge, die sie selbst bisher nicht wahrgenommen haben. Das ist mein waches Auge. Auch mag ich einen kollaborativen Ansatz, Fotos gemeinsam entstehen zu lassen.

Was genau hast du in der Werkstatt von p: berlin gemacht?
Ich habe bei p: berlin meine Bilder gescannt und außerdem die Drucke für zwei Ausstellungen im Mai gefertigt.

Wie war für dich als Fotografin die Erfahrung, die Werkstatt zu nutzen?
Ich schätze an der Werkstatt, dass ich dort sehr konzentriert arbeiten kann. Es gibt wenig Ablenkung, so kann ich tief in meine Arbeit einsteigen, ich bin fokussierter. Hin und wieder kommt es auch zu fotografischem Austausch mit anderen Künstler*Innen, was zusätzlich wertvoll ist. Ich mag an p: berlin, dass es wie ein Kollektiv funktioniert: man achtet aufeinander, hilft sich gegenseitig und kann dennoch autark und mit gutem Equipment arbeiten.

Hat dir die Ausstattung der Werkstatt weitergeholfen?
Ja, denn sonst hätte ich die Scans in einem kommerziellen Labor anfertigen lassen müssen und hätte einen weniger direkten Einfluss auf das Resultat gehabt. Dank der Werkstatt kann ich den gesamten Prozess, vom Scannen bis zu den Prints, einheitlich und selbst gestalten. Die Bindung zum Projekt, zur Fotografie wird auch stärker, macht stolz.

Weißt du schon, was dein nächstes Projekt werden wird?
Ich arbeite an einem anderen Langzeitprojekt zum Thema „Altsein“. Nicht nur Altsein, wieder auch Begleitung, ein Tagebuch unseres Sehens. Ich habe einen Freund in München, der Ü80 und Künstler ist, ihn begleite ich bereits seit zehn Jahren. Derzeit versuche ich ihn von einer gemeinsamen Ausstellung zu überzeugen, ich mit Fotografien von ihm und er mit seinen Collagen.

 

Ausstellungen von Sabrina Weniger:
Duo Exhibition – Sabrina Weniger + Ian Wainaina
19.5.–15.8.2022
Aperture Film Lab, Schlüterstraße 68, 10625 Berlin
Gruppenausstellung THERE WE ARE im Rahmen der 8. Triennale der Photographie Hamburg
31.5.–14.6.2022, Eröffnung: 31.5.2022 ab 19 Uhr
Akademie für Fotografie Hamburg, Gaußstraße 149, 22765 Hamburg

High-End-Digitalisierungsstation in der Werkstatt von p: berlinunterstützt von PhaseOne und NOVOLFLEX

Freitag, 19. November 2021
Wir freuen uns, Euch/Ihnen mitteilen zu können, dass wir den Betrieb unserer neuen Digitalisierungsstation aufgenommen haben und dieser für Sie/Euch zur Verfügung steht. Damit bieten wir nun eine High-End-Arbeitsumgebung wie sie unter anderem in Museen genutzt wird.

Die von p: berlin mithilfe seiner Kooperationspartner entwickelte Digitalisierungsstation ist mit einem 100-MP-Digitalrückteil von Phase One, dem Novoflex CASTEL XQ II, einem LED-Leuchtpult von Kaiser-Fototechnik, einem 72mm-Objektiv mit ALPA-Adapter sowie der Bildbearbeitungssoftware »Capture one CH« ausgestattet – CH steht für Cultureal Heritage und ermöglicht insbesondere eine bessere Umwandlung von Color -Negativen in Positive.

Die erzielte Auflösung von 100 MP, Farbtiefe und Dynamik ermöglichen großformatige Reproduktionen und eine optimale Aufarbeitung Ihres/Eures Archivs für unterschiedlichste Nutzungsarten wie beispielsweise die weitere Verwertung Ihrer/Eurer Daten in Bilddatenbanken.

Wir bedanken uns bei unserem Kooperationspartnern NOVOFLEX für die großzügige Spende und bei allen anderen Beteiligten für den Aufbau dieser großartigen Digitalisierungsstation.